Wenn das Gefühl den Gewinn frisst
Wie Persönlichkeitszüge das Risikoverhalten steuern.
Es gibt Anleger, die bei jedem Kurszucken nervös werden – und andere, die scheinbar seelenruhig zusehen, wie ihre Aktien fallen oder steigen. Doch was steckt wirklich dahinter? Die australischen Forscher Raymond DURAND, Lai FUNG und Malinda LIMKRIANGKRAI wollten es genau wissen. Sie fragten sich: Ist es nur Erfahrung, oder spielt die Persönlichkeit eine viel größere Rolle als gedacht?
Um das herauszufinden, führten sie ein Experiment durch, das an echte Börsensituationen erinnert. 128 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mussten in einem Labor über mehrere Runden entscheiden, ob sie ihr Geld in riskante oder sichere Anlagen stecken. Ein Teil der Gruppe bekam nach jeder Runde sofort Rückmeldung über Gewinn oder Verlust. Die andere Gruppe sah ihre Ergebnisse nur selten. So konnten die Forscher messen, wie Menschen auf häufige oder seltene Bewertung ihrer Geldanlage reagieren – ein cleverer Test für das Phänomen der sogenannten "myopischen Verlustaversion".
Das Ergebnis war eindeutig – und doch überraschend: Nicht das Geschlecht macht den Unterschied, sondern die Persönlichkeit.
- Menschen mit hohen Werten bei "Neurotizismus", also eher ängstlich oder sensibel veranlagt, zeigten deutlich stärkere Verlustvermeidung. Schon kleine Minuszeichen lösten bei ihnen Stress aus. Sie griffen schneller zu sicheren Anlagen oder stiegen zu früh aus.
- Wer dagegen extravertiert war – also kontaktfreudig, offen, eher zuversichtlich –, blieb gelassener. Diese Anleger hielten länger durch und trafen rationalere Entscheidungen.
Spannend: Das klassische Vorurteil, Männer seien risikofreudiger als Frauen, zerschellte an den Daten. Es gab keinen stabilen Geschlechtereffekt. Entscheidend war die psychologische Struktur. Anders gesagt: Nicht das "Mann-Sein" oder "Frau-Sein" beeinflusst das Verhalten, sondern wie jemand emotional tickt.
Die Forscher nutzten statistische Modelle, um diese Zusammenhänge zu prüfen. Sie verglichen die Entscheidungen, Gewinne und Reaktionen in beiden Gruppen und konnten zeigen: Wer häufiger seine Anlageergebnisse sieht, reagiert sensibler auf Verluste – vor allem dann, wenn eine gewisse Nervosität in der Persönlichkeit mitschwingt. Das ständige Kontrollieren der Zahlen wirkt wie ein emotionaler Verstärker. Der Blick aufs Depot wird zum Stimmungstest.
Ein Beispiel macht das greifbar: Zwei Freunde kaufen denselben ETF. Der eine checkt jeden Tag die App, der andere nur einmal im Quartal. Obwohl beide dieselbe Rendite erzielen, fühlt sich der tägliche Checker häufiger unruhig – er "erlebt" mehr Verluste, einfach weil er sie öfter sieht. Und genau das mindert seine Zufriedenheit und seine Risikobereitschaft.
Durand und sein Team ziehen daraus eine klare Lehre: Anleger sollten den eigenen Rhythmus kennen – und ihn aktiv steuern. Wer sich bei Verlusten schnell verunsichern lässt, sollte sein Depot seltener prüfen und feste Regeln für den Handel festlegen. Die Forschung zeigt, dass bereits das Verlängern der Bewertungsintervalle – also weniger oft hineinschauen – die emotionale Achterbahn glättet. Das schützt vor impulsiven Verkäufen und führt langfristig zu besseren Entscheidungen.
Fazit
Geldanlage ist keine reine Kopfsache. Sie ist ein Spiegel der Persönlichkeit. Wer seine eigenen emotionalen Muster kennt, kann sie auch in Schach halten. Es geht nicht darum, Gefühle zu unterdrücken – sondern sie klug zu managen. Der ruhigere Blick aufs Depot ist oft die beste Rendite.