Die Psychologie der Gamification
Wie Neobroker Sie zum Zocken verleiten.
Handeln Sie Aktien oder spielen Sie nur? Für die "digital Natives" verschwimmt die Grenze schnell. Bunte Apps und Konfetti-Regen beim Kauf einer Aktie machen die Börse zum Videospiel. Die Wissenschaft warnt: Gamification schaltet das Risikobewusstsein aus. Sind Aktien also doch nur "Zockerei"? Die Antwort:
Nein, natürlich sind Aktien keine reine Zockerei. Wenn Sie folgende Tricks verinnerlichen, hat selbst der geschickteste Neobroker keine Chance mehr, Sie zum Zocken zu verführen.
Der erste psychologische Trick, den Neobroker nutzen, stammt direkt aus dem Labor der Verhaltensforschung. B.F. SKINNER entdeckte mit seinen berühmten Experimenten zur "operanten Konditionierung", wie stark kleine Belohnungen unser Verhalten beeinflussen können. Eine Push-Benachrichtigung hier ("Deine Aktie steigt!"), ein grüner Pfeil dort. Diese Reize wirken so auf unser Verhalten ein, dass wir doch nochmal schnell in die App gucken – oder gar handeln, auch wenn das so gar nicht geplant war. Diese unvorhersehbaren Reize sorgen für eine Dopaminausschüttung. Das Gehirn lernt: "Wenn ich die App öffne, könnte etwas Tolles passieren." Junge Anleger checken ihr Depot deshalb oft etliche Male am Tag. Nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Sucht nach dem nächsten "Kick". Das Smartphone wird zum "Einarmigen Banditen" in der Hosentasche.
Das Hinschauen alleine kostet Zeit. Dabei bleibt es aber nur selten. Ist die App erstmal offen, ist es nur noch ein Klick zum nächsten Kauf. Brad BARBER und Terrance ODEAN zeigten, dass insbesondere junge Männer zu Selbstüberschätzung neigen und viel zu häufig handeln ("Overtrading"). Das Ergebnis: Wer viel handelt, vernichtet seine Rendite durch Gebühren und schlechtes Timing. Trading-Apps befeuern diesen Fehler massiv, indem sie sämtliche Barrieren zum Kauf entfernen. Ein Wisch oder Klick ("Swipe-to-Buy"), und die Order ist raus. Was als "nutzerfreundlich" verkauft wird, ist eine psychologische Falle. Wer keine Hürden überwinden muss, kauft impulsiv und bereut es womöglich später.
Ein weiterer Aspekt ist die optische Manipulation. George LOEWENSTEIN und seine Kollegen erforschten den Einfluss von "Salience" (Auffälligkeit). Wir kaufen das, was uns ins Auge springt. Apps nutzen "Top-Mover-Listen" oder "Trending Stocks" mit grellen Farben und Feuersymbolen. Das lenkt die Aufmerksamkeit weg von fundamentalen Daten hin zu reiner Action. Wir kaufen eine Aktie nicht, weil die Bilanz stimmt, sondern weil sie in der App gerade "leuchtet". Das fatale Signal an das junge Gehirn: Investieren ist Entertainment. Wenn dann noch – wie bei einigen Anbietern üblich – virtuelles Konfetti über den Bildschirm rieselt, sobald ein Kauf getätigt wurde, wird der Geldverlust endgültig trivialisiert. Der Schmerz des Geldausgebens ("Pain of Paying") verschwindet hinter der bunten Grafik.
Schließlich zielen diese Designs darauf ab, unser rationales Denken auszuschalten.
Daniel KAHNEMAN unterschied zwischen zwei Arten der Entscheidungsfindung: "System 1" (schnell, intuitiv, emotional) und "System 2" (langsam, logisch, anstrengend). Solide Investmententscheidungen erfordern System 2 Denken. Gamification-Apps sind jedoch Design-Meisterwerke, um System 1 Denken anzustoßen. Alles ist auf Geschwindigkeit und Intuition getrimmt. Sie werden "genudged" (gestupst), Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen. In der Finanzwelt ist der Bauch jedoch ein schlechter Ratgeber. Wer Aktien kauft, als sei er im Casino, muss damit leben, dass er ein unverhältnismäßig hohes Risiko trägt.
Fazit
Investieren muss sich nicht anfühlen wie ein Spiel im Casino. Wenn sich Ihre App so anfühlt, ist sie gefährlich. Deaktivieren Sie alle Push-Benachrichtigungen. Meiden Sie Apps, die Transaktionen feiern. Und bauen Sie künstliche Hürden ein: Zwingen Sie sich, jede Kaufentscheidung erst schriftlich zu begründen und eine Nacht darüber zu schlafen. Echter Vermögensaufbau braucht keine bunten Farben, sondern graue Zellen.