Wenn Sonne und Börse verführen
Wie gute Laune unbemerkt zu riskanteren Käufen treibt.
Ein klarer Himmel, 24 Grad, der Tag fühlt sich leicht an. Man öffnet das Depot – und greift schneller zur riskanten Aktie. Nur Zufall? Mitnichten. Eine australische Studie zeigt, wie stark das Wetter – und damit unsere Stimmung – unbewusst das Anlageverhalten beeinflusst.
Die Forscher Ramesh BRADRANIA und Yuxin GAO von der University of South Australia wollten wissen: Gibt es einen Zusammenhang zwischen sonnigem Wetter, Anlegerlaune und der Nachfrage nach besonders riskanten Aktien, den sogenannten "Lotterie-Aktien"? Dafür verknüpften sie über mehrere Jahre hinweg Daten zu Wetter, Handelsvolumen und Kursen an der australischen Börse. Das Ergebnis war verblüffend eindeutig.
An Tagen mit gutem Wetter kaufen Anleger messbar häufiger Lotterie-Aktien – also Titel mit kleiner Gewinnchance, aber hohem Traumgewinn. Diese Käufe treiben die Kurse kurzfristig nach oben. Doch einige Tage später folgt die Ernüchterung: Die Renditen dieser Aktien brechen wieder ein. Gute Laune wirkt also wie eine temporäre Droge – sie macht risikofreudiger, aber auch kurzsichtiger.
Der Untersuchungsablauf war typisch für die neue Generation verhaltensökonomischer Forschung: Die Wissenschaftler kombinierten meteorologische Daten mit Börsendaten, testeten Wettereffekte in verschiedenen Regionen Australiens und verglichen diese mit Anlegerbewegungen in "riskanten" Marktsegmenten. Dabei nutzten sie statistische Modelle, die typische Marktzyklen und saisonale Schwankungen herausrechnen. So konnten sie sicherstellen, dass nicht etwa Unternehmensnachrichten oder Wirtschaftsdaten die Stimmungseffekte verfälschten.
Die zentrale Erkenntnis: Unsere Entscheidungen am Markt sind weit weniger rational, als wir glauben. Sonne, Wärme oder einfach ein angenehmes Tagesgefühl können ausreichen, um die Risikowahrnehmung zu verschieben. Wer sich "gut fühlt", bewertet Chancen optimistischer – und blendet Risiken aus. Das passiert unbewusst, ohne jede Absicht.
Was bedeutet das für Anleger? Wer seine Stimmung nicht kennt, wird von ihr geführt. Ein sonniger Tag macht Aktien attraktiver, ein grauer Tag schreckt eher ab. Dabei ändert sich am Unternehmen selbst nichts. Diese Diskrepanz schafft Marktverzerrungen: Kurse von Lotterie-Aktien steigen, wenn das Wetter gut ist, und fallen wieder, sobald die Euphorie verflogen ist.
Ein einfaches Beispiel: Ein Anleger liest morgens bei Sonnenschein über eine kleine Tech-Firma, die "demnächst durchstarten" soll. Das positive Gefühl überträgt sich auf die Entscheidung – er kauft. Wäre der gleiche Artikel an einem grauen Wintertag erschienen, hätte er vielleicht abgewartet oder kritisch hinterfragt. Die Studie zeigt damit, wie sehr unbewusste Einflüsse Entscheidungen im Geldalltag lenken.
Fazit: Die eigene Stimmung ist ein schlechter Ratgeber. Wer sie kennt, hat einen Vorteil – denn er erkennt, wann sein Kopf auf "Risiko" steht. Wetter, Musik, Kaffee, Gespräche – all das färbt unmerklich auf den Blick fürs Geld ab.
Die Kunst liegt darin, Distanz zu schaffen: Nicht jede gute Laune ist ein Signal zum Kauf. Wer das versteht, bleibt klarer – und meist auch reicher.