Track 29; 00:00 Min.
Aberglaube (China):

Verlust durch Aberglauben

Wie chinesische Glückszahlen Renditen schmälern.

Manchmal steckt Magie in der Mathematik – zumindest, wenn Anleger daran glauben. In China gelten die Zahlen 8 und 6 als Glücksbringer, die 4 dagegen als Unglückszahl. Klingt harmlos, doch an der Börse hat dieser Aberglaube handfeste Folgen. Die Forscher David HIRSHLEIFER, Mei JIAN und Huai ZHANG wollten wissen, ob diese kulturellen Symbole tatsächlich Einfluss auf Aktienpreise haben. Ihr Ergebnis: Sie haben es – und zwar deutlich.

Die Studie "Superstition and Financial Decision Making" untersuchte Tausende Börsengänge chinesischer Unternehmen zwischen 1990 und 2013. Dabei konzentrierten sich die Forscher auf die sogenannten Ticker-Codes – also die Ziffernfolgen, unter denen Aktien gehandelt werden. Das überraschende Muster: Unternehmen mit "glücklichen" Codes wie 8 oder 6 wurden bei der Ausgabe deutlich höher bewertet als vergleichbare Firmen.
Diese Euphorie hielt jedoch nicht lange. In den Folgejahren erzielten die gleichen Aktien eine spürbar niedrigere Rendite.

Kurz gesagt: Der Glaube an Glückszahlen führte zu Überbewertung – und später zu Enttäuschung. Die Forscher fanden damit ein Beispiel für ein tief verankertes, unbewusstes Denkmuster: Menschen neigen dazu, kulturellen Symbolen eine Bedeutung zuzuschreiben, selbst wenn diese wirtschaftlich irrelevant sind. – An der Börse verwandelt sich das in teure Fehlentscheidungen.

Der Untersuchungsablauf war ebenso gründlich wie kreativ: Die Wissenschaftler werteten alle IPOs über mehr als zwei Jahrzehnte aus, verglichen die Preisentwicklung und Renditeverläufe von Unternehmen mit "Lucky Codes" gegen jene mit neutralen oder unglücklichen Zahlen. Sie prüften, ob Faktoren wie Branche, Größe oder Marktlage den Effekt erklären konnten – und schlossen das aus. Selbst nach Kontrolle aller ökonomischen Variablen blieb der Zahlenzauber bestehen. Nur der Glaube war der Treiber.

Wie stark dieser Aberglaube wirkt, zeigt ein weiteres Detail: Einige Firmen sollen versucht haben, bewusst "günstige" Codes zu erhalten – obwohl die Zuteilung offiziell zufällig erfolgt. Das zeigt, wie tief die Symbolik sitzt. Anleger, die solche Codes als Signal für Erfolg sehen, zahlen anfangs mehr. Doch nach rund zwei bis drei Jahren hat sich der Zauber verflüchtigt: Die Kurse normalisieren sich, und wer auf Glück vertraut hat, bleibt zurück.

Was kann man daraus lernen?: Kultur und Kapital sind enger verbunden, als man denkt. Börsen spiegeln nicht nur Zahlen, sondern auch Geschichten, Hoffnungen und Aberglauben. Wer diese psychologischen Strömungen erkennt, kann sie nutzen – oder ihnen entgehen. Ein nüchterner Blick auf Fundamentaldaten schützt besser als jedes "Lucky Eight".

Ein Beispiel: Zwei Firmen gehen gleichzeitig an die Börse. Firma A trägt die Nummer 6888, Firma B die 6471. Beide sind gleich stark, gleich profitabel. Aber Anleger greifen lieber zur A‑Aktie – der Name klingt "glücklich". Das Ergebnis: Überbewertung. Drei Jahre später hat B die bessere Performance. Der Unterschied: Aberglaube.

Fazit:

Diese Forschung öffnet den Blick für etwas, das in westlichen Märkten oft übersehen wird: kulturelle Psychologie als Finanzkraft. Wer in globalen Märkten investiert, sollte solche Effekte kennen – nicht um daran zu glauben, sondern um diese kulturelle Situation beim Börsen-Verhalten im entsprechenden Land zu berücksichtigen. Denn selbst eine Zahl kann an der Börse ein Kostüm tragen, das den Blick auf die Realität trübt.