Mehr Auswahl, weniger Geld
Wie Anleger sich mit zu viel Auswahl selbst ausbremsen.
Mehr Aktien. Mehr Fonds. Mehr Streuung. Klingt klug. Klingt sicher. Doch genau hier beginnt oft das Problem. Die Forscher Guido BALTUSSEN und Geert Jan POST gingen einer einfachen, aber brisanten Frage nach: Streuen Privatanleger wirklich sinnvoll – oder nur aus dem Bauch heraus?
Ihre Studie zeigt: Viele Depots sehen breit aus. Doch unter der Oberfläche herrscht Chaos. Anleger wählen Titel oft nicht nach Qualität oder klarer Linie und setzen nur auf Verteilung. Das Ergebnis nennt sich "irrationale Diversifikation". Ein sperriger Begriff. Die Idee dahinter ist simpel: Menschen verteilen ihr Geld oft gleichmäßig auf mehrere Anlagen, ohne Risiko, Ertrag oder Zusammenhang sauber zu prüfen.
Stellen Sie sich eine Reiseapotheke vor. Zehn Medikamente passen hinein. Statt gezielt auszuwählen, packen Sie einfach zehn verschiedene Kopfschmerzmittel ein. Wirkt sicher. Doch bei Magenbeschwerden nützt das nichts. Genau so verhalten sich viele Anleger.
Baltussen und Post nutzten reale Depotdaten niederländischer Privatanleger. Sie prüften, wie stark die Portfolios vom Zufall der verfügbaren Aktien geprägt waren. Und sie verglichen diese Depots mit Modellen, die auf klaren Risiko-Ertrag-Regeln beruhen.
Der Ablauf der Studie in Kürze: Die Forscher analysierten Tausende echte Depots. Sie maßen Rendite, Risiko und Struktur. Sie prüften, ob Anleger gezielt auswählten oder breit verteilten. Dann stellten sie optimale Vergleichsportfolios gegenüber. Zum Schluss verglichen sie Ertrag und Schwankung. Das Bild war deutlich. Viele Anleger hielten zu viele kleine Positionen. Oft ohne klaren Plan. Häufig fanden sich Aktien im Depot, die stark miteinander liefen. Auf den ersten Blick wirkt das Depot also breit gestreut, obwohl die Aktien häufig denselben Sektor abdecken.
Noch erstaunlicher: Die gewählten Portfolios lagen oft deutlich unter dem, was mit ähnlichem Risiko möglich gewesen wäre. Heißt konkret: Gleich viel Zittern. Weniger Ertrag.
Warum passiert das?
Ein Grund ist die Angst, etwas zu verpassen. Wer viele Titel hält, fühlt sich sicherer. Ein anderer Grund ist Bequemlichkeit. Gleich verteilen ist einfach. Es spart Denkarbeit. Hinzu kommt ein psychologischer Effekt: Mehr Auswahl führt nicht zu besseren Entscheidungen. Im Gegenteil. Zu viele Optionen überfordern. Dann greift der Mensch zu simplen Regeln. Etwa: Von allem etwas. Doch an der Börse zählt nicht das gute Gefühl. Es zählt Struktur.
Ein Beispiel:
Ein Anleger kauft zehn Aktien aus dem Tech-Bereich. Unterschiedliche Namen. Unterschiedliche Länder. Klingt breit. Doch wenn der Tech-Markt fällt, fallen alle. Das Risiko war nie verteilt – es war konzentriert.
Baltussen und Post zeigen zudem: Anleger meiden extreme Gewichtungen. Selbst wenn eine Aktie klar bessere Werte liefert, wird sie nicht stärker gewichtet als die weniger gut laufenden Werte. Stattdessen wird alles vereinheitlicht. Das Depot wirkt ruhig. Doch es verschenkt Potenzial.
Besonders spannend: Selbst erfahrene Anleger zeigten dieses Muster. Es ist kein Anfängerfehler. Es ist menschlich.
Die Studie macht klar: Wahre Streuung entsteht nicht durch Anzahl. Sie entsteht durch kluge Gewichtung und Mischung. Entscheidend ist, wie Anlagen zusammenwirken. Wer blind verteilt, baut ein Sammelsurium. Wer gezielt gewichtet, baut ein System. Das bedeutet: Bessere Ergebnisse sind kein Glück. Sie sind planbar. Ein Depot braucht oft keine hundert Einzelpositionen. Es braucht Struktur. Weniger Titel können mehr Wirkung entfalten, wenn sie sauber gewählt und gewichtet sind.
Fazit: Viele Positionen bedeuten nicht automatisch mehr Sicherheit. Unüberlegte Streuung kann die Rendite verwässern, ohne das Risiko sinnvoll zu senken – oder im schlimmsten Fall sogar zu steigern. Wer sein Depot bewusst strukturiert und Zusammenhänge versteht, verbessert seine Chancen. Entscheidend ist nicht die Anzahl der Positionen, sondern deren Qualität und Zusammenspiel.