Warum uns das "Heute" die Zukunft kostet
Wenn wir nach Krisen plötzlich falsche Entscheidungen treffen.
Wenn die Erde bebt oder ein Taifun Städte verwüstet, verändert sich mehr als nur die Landschaft. Auch das innere Zeitgefühl rutscht aus dem Gleichgewicht. Menschen, die solche Ereignisse erleben, fangen an, das Heute über das Morgen zu stellen. Sie handeln schneller, greifen eher zu, verkaufen früher – und sparen weniger. Genau das zeigen die Forscher Benjamin CARBONE, Hiro KAJI und Shigeo KOBAYASHI in einer groß angelegten Studie, die den Effekt von Naturkatastrophen auf die Zeitpräferenz untersucht. Ihr zentrales Thema: 'Wie stark beeinflussen existenzielle Erlebnisse die Bereitschaft, auf künftige Gewinne zu warten?'
Die Forscher nutzten Daten aus mehreren asiatischen Ländern, mit besonderem Fokus auf die Philippinen, wo Taifune und Erdbeben regelmäßig die Wirtschaft erschüttern. In Zusammenarbeit mit lokalen Hochschulen führten sie Befragungen in betroffenen und nicht betroffenen Regionen durch. Rund 1.500 Teilnehmer nahmen an sogenannten Zeitwahl-Experimenten teil. Dabei mussten sie entscheiden, ob sie lieber heute 500 Pesos oder in einem Monat 800 Pesos erhalten würden. Solche simplen Fragen entlarven, wie stark jemand kurzfristige Gewinne bevorzugt. Je öfter die Sofort-Variante gewählt wurde, desto höher die Gegenwartsorientierung – ein Maß für das, was Psychologen 'hyperbolisches Diskontieren' nennen.
Das Ergebnis war eindeutig: Direkt nach einer Katastrophe stieg die Neigung, sofortige Belohnungen zu wählen, um rund 25 Prozent. Viele gaben an, dass sie sich "nicht sicher" seien, ob sich Warten überhaupt lohnt. Wer einmal erlebt hat, wie schnell ein Haus oder eine Existenz zerstört wird, für den wirkt das Morgen weit weg.
Und die Studie zeigt: Dieses veränderte Denken hält an. Selbst zwei Jahre später zeigten viele Befragte noch ein deutlich stärkeres Gegenwartsdenken als vor dem Ereignis. Die Forscher fanden einen klaren Zusammenhang: Je größer die persönliche Betroffenheit, desto stärker die Abkehr vom langfristigen Denken.
Das wirkt sich direkt auf Finanzentscheidungen aus. Anleger, die Naturkatastrophen erlebt hatten, wechselten häufiger ihre Fonds, zogen Gewinne früher ab und hielten größere Cash-Bestände. Das Sicherheitsbedürfnis überlagerte rationale Kalkulation. CARBONE und seine Kollegen zeigen, dass sich so auf Dauer Renditeverluste von bis zu 15 Prozent über fünf Jahre ergeben können – allein durch verkürzte Haltefristen. Geduld zahlt sich nicht aus, wenn das Gefühl von Unsicherheit dominiert.
Die Untersuchung war akribisch angelegt. Neben den psychologischen Experimenten sammelte das Team Daten zu Sparverhalten, Kreditaufnahme und Konsum. Interviews in Katastrophenregionen wie Tacloban oder Leyte ergänzten die Statistik mit Stimmen aus dem Alltag. Ein Händler berichtete: "Ich will alles lieber gleich verkaufen, man weiß ja nie." Diese Haltung zieht sich durch viele Lebensbereiche: lieber sofortige Sicherheit als ungewisse Zukunft.
Selbst in Regionen, die nur indirekt betroffen waren, fand sich der Effekt – offenbar reicht schon die mediale Nähe zu Katastrophen, um das Zeitgefühl zu verschieben.
Psychologisch lässt sich das erklären. Nach einem Schock sucht das Gehirn nach Kontrolle. Es will das Hier und Jetzt stabilisieren – nicht planen, sondern handeln. Diese verkürzte Zeitwahrnehmung führt dazu, dass langfristige Ziele an Bedeutung verlieren.
In der Ökonomie ist das fatal: Sparpläne werden gestoppt, Depots umgeschichtet, Anlageentscheidungen impulsiv gefällt. Die Forscher nennen das einen 'emotionalen Kurzschluss des Zukunftsdenkens'. Langfristige Disziplin bricht unter kurzfristigem Stress zusammen.
Aber es gibt Wege zurück zur Balance. Wer seine eigene Zeitpräferenz kennt, kann sie trainieren. Kleine Routinen helfen: feste Anlagezeiträume, automatisierte Sparpläne, klare Regeln zum Nichtstun in Krisenzeiten. Auch mentale Techniken wie das bewusste 'Verlangsamen' von Entscheidungen zeigen laut den Forschern Wirkung. Wer sich Zeit lässt, bis Emotionen abklingen, trifft rationalere Entscheidungen. Ein Tag Abstand kann den Unterschied zwischen Panikverkauf und kluger Ruhe ausmachen.
Fazit:
Die Studie macht deutlich, wie stark äußere Schocks das innere Zeitgefühl verbiegen können. Naturkatastrophen verändern nicht nur die Umwelt, sondern auch die Wahrnehmung von Zukunft. Wer das erkennt, kann gegensteuern – mit Struktur, Geduld und Vertrauen in den langen Atem. Denn wer dem Jetzt nicht die alleinige Bühne überlässt, gibt dem Morgen wieder eine Chance.