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Herdenmut (Island):

Der Markt tanzt – und alle tanzen mit

Wenn kollektiver Übermut zu Finanzblasen führt.

Island – das Land der Geysire, starken Meinungen und schnellen Aufbrüche. Doch in den Jahren vor der Finanzkrise zeigte sich: Auch die mutigsten Inselbewohner sind nicht immun gegen kollektive Euphorie. Die Forscher Michael W. MIXA und Vladislav VAIMAN wollten verstehen, warum ein so kleines, unabhängiges Land an den Börsen plötzlich in Ekstase verfiel – und danach so tief fiel.

Ihre Studie "Individualistic Vikings: Culture, Economics and Iceland" blickt auf die Jahre 1999 bis 2008. Der isländische Aktienmarkt stieg in dieser Zeit auf das Siebenfache – ein Rausch aus Glaube, Gier und Gruppendynamik. Sparquoten fielen, Kredite explodierten, und selbst Lehrer investierten in spekulative Finanzprodukte. MIXA und VAIMAN zeigen: Der Grund liegt tief in der nationalen Psyche. Isländer sind stolz, unabhängig, risikofreudig – und glauben an ihre eigene Stärke. Genau diese Kombination führte zum kollektiven Übermut.

Der Untersuchungs-Ablauf war ungewöhnlich vielseitig. Die Forscher kombinierten internationale Vergleichsdaten aus der Hofstede-Kulturstudie mit isländischen Wirtschaftsdaten, Sparquoten und Börsenindizes. Sie analysierten, wie kulturelle Werte – etwa hohe Individualität und Unsicherheitsvermeidung – in Finanzverhalten überspringen. Dazu verglichen sie auch Interviews, Medienberichte und Zentralbankdaten aus der Boomzeit. Das Ergebnis: Eine Kultur, die Unabhängigkeit feiert, neigt in Gruppen zu Überschwang, wenn scheinbar alle gewinnen.

Ein Beispiel: 2006 stiegen isländische Privatanleger massenhaft in heimische Bankaktien ein. Wer noch nicht dabei war, galt als Zauderer. Niemand wollte den Erfolg der Nachbarn verpassen. Der Herdentrieb bekam einen kulturellen Turbo. Das Selbstbild des starken, eigenständigen Isländers verwandelte sich in kollektives Wagemut-Theater. Bis der Markt ein Jahr später kippte – und das Selbstbewusstsein gleich mit.

Der springende Punkt der Studie: Der Glaube an Kontrolle kann zum Bumerang werden. Wer überzeugt ist, "die anderen" zu überlisten, rennt oft mit ihnen in dieselbe Falle.
Mixa und Vaiman deuten das nicht als Schwäche, sondern als menschlichen Reflex – besonders in engen Gemeinschaften, wo Erfolg sichtbar und ansteckend ist. Wer den Nachbarn reich werden sieht, braucht starke Nerven, um stillzuhalten.

Was lässt sich daraus lernen? Erstens: Wachsamkeit ist kein Misstrauen, sondern Schutz. Zweitens: Disziplin schlägt Intuition, wenn Euphorie tobt. Drittens: Herden folgen – Märkte aber nicht ewig. Der isländische Crash war kein Zufall, sondern das Ergebnis eines kollektiven Überschwangs, der in vielen Ländern wiederkehrt – nur mit anderem Dialekt.

Fazit

Diese Studie zeigt eindrucksvoll, wie nationale Kultur und Anlegerpsychologie ineinandergreifen. Stolz, Mut und Gemeinschaftsgeist können Wohlstand beflügeln – oder in Blasen verwandeln. Wer das weiß, erkennt den Moment, in dem aus berechtigtem Optimismus eine gefährliche Welle wird. Und wer dann nicht mittanzt, hat am Ende oft den besseren Takt.