Track 60; 00:00 Min.
Stimmungskiller (Malaysia):

Wer die Stimmung liest, schlägt den Markt

Wenn Emotionen den Markt übernehmen.

Manchmal braucht es keinen Crash, keinen Zinsentscheid, keine Katastrophe – nur eine Welle von Optimismus oder Pessimismus. Die Forscher Tze-Haw CHAN, Adeel SAQIB und Hooi Hooi LEAN von der Universiti Sains Malaysia zeigen in ihrer aktuellen Studie, dass Anlegerstimmung in Malaysia weit mehr bewegt als nur die Laune am Parkett. Sie kann Kurse ganzer Branchen anheben – oder leise in die Tiefe drücken.

Die Wissenschaftler bauten einen eigenen Stimmungsindex für Malaysia. Dafür sammelten sie viele Marktindikatoren, zum Beispiel Handelsvolumen, Neuemissionen und Umfragen zu Anlegererwartungen, und verdichteten sie zu einem einzigen Wert (PCA-Methode). Anschließend prüften sie mit einem NARDL-Modell, wie sich positive und negative Stimmungsimpulse auf sechs große Branchen auswirken – von Telekommunikation bis Gesundheit. Der Untersuchungszeitraum: 2007 bis 2022. Der Clou: Sie unterschieden zwischen Auf- und Abschwüngen, also den "Stimmungsrichtungen". Dadurch zeigte sich ein erstaunliches Muster.

Optimistische Stimmung wirkt wie ein langsamer Aufzug. Sie braucht Zeit, entfaltet aber nach drei bis sieben Monaten ihre volle Kraft.
Pessimistische Stimmung hingegen schlägt schneller zu – oft schon nach Wochen. Besonders empfindlich: der Technologiesektor. Hier reichen wenige negative Impulse, und Anleger ziehen sich hastig zurück. Anders in stabilen Branchen wie Energie oder Telekommunikation, wo Stimmungsschwankungen gedämpfter wirken. Kurzfristig sind die Effekte schwach, was Chan und sein Team auf Marktmechanismen und Regulierung zurückführen, etwa auf Leerverkaufsbeschränkungen. Doch langfristig zeigen die Kurven klar: Stimmung schreibt mit – im Chart und im Depot.

Was das praktisch bedeutet? Wer nur auf Zahlen schaut, übersieht einen unsichtbaren Hebel. Anlegerpsychologie arbeitet wie ein Wetterumschwung: Sie ist nicht zu sehen, aber spürbar. Chan beschreibt sie als "asymmetrische Kraft" – dieselbe Stimmung kann je nach Marktphase völlig gegensätzlich wirken. Ein positives Grundgefühl trägt in Aufschwungphasen, doch in Bärenzeiten läuft es ins Leere oder kippt sogar ins Gegenteil. Kurz gesagt: Es ist nicht nur die Stimmung selbst, sondern der Moment, in dem sie auftritt.

Ein Beispiel: Wenn Anleger euphorisch auf steigende Tech-Aktien setzen, heizt das den Markt weiter an – bis ein kleiner Dämpfer reicht, um die Stimmung zu drehen. Dann fällt der Kurs stärker, als es die Zahlen rechtfertigen. Genau das zeigt die Studie in Malaysia. Umgekehrt können skeptische Phasen Kaufchancen eröffnen, wenn die reale Lage stabil bleibt, aber das Sentiment übertrieben mies ist. Chan, Saqib und Lean schlagen vor, monatlich die Marktstimmung und das aktuelle Marktregime (Bullen- oder Bärenphase) zu prüfen. Wer sein Portfolio danach richtet, kann Branchen taktisch steuern: defensive Werte in trüber Stimmung stärken, zyklische erst nach klaren Aufhellungssignalen aufstocken.

Fazit: Anleger sollten Stimmung als eigenständige Größe begreifen – nicht als Zufallsrauschen. Wer weiß, wie lange solche Wellen tragen, kann sie gezielt nutzen.
Stimmung ist kein Gespenst. Sie ist ein Messwert – man muss ihn nur lesen lernen.