Gewinne verpuffen – weil niemand hinschaut
Was eine Studie über Anleger und ihre blinden Momente zeigt.
Manchmal sagt der Markt einfach: nichts. Firmen verkünden Gewinne, Zahlen glänzen – und die Kurse? Stillstand. Genau dieses Rätsel untersuchten die Forscher Musa M. MAAJI und Siew H. LEE an der CamEd Business School in Phnom Penh. Ihr Befund: Privatanleger auf der Cambodia Securities Exchange (CSX) reagierten während der Corona-Jahre kaum auf Gewinnmeldungen. Keine Euphorie, kein Ausverkauf – schlicht: keine Bewegung.
Das ist überraschend. In entwickelten Märkten lösen solche Ankündigungen oft Kursfeuerwerke aus. Doch in Phnom Penh blieb es ruhig. Die Forscher wollten wissen, warum. Ihr Verdacht: Anleger blenden in unsicheren Zeiten selbst klare Signale aus – ein psychologischer Nebel legt sich über die Wahrnehmung. Die Folge: wertvolle Information versickert, Chancen bleiben liegen.
Wie sie vorgingen: Maaji und Lee analysierten die Kursverläufe sämtlicher börsennotierter Unternehmen an der CSX zwischen 2020 und 2021. Sie nutzten die sogenannte "Event-Study"-Methode – ein Verfahren, das misst, ob Aktienkurse um bestimmte Ereignisse (etwa Gewinnmeldungen) auffällig ausschlagen. In zehn Handelstagen vor und nach den Meldungen prüften sie, ob sich "abnormale Renditen" zeigen – also Bewegungen, die über das normale Marktrauschen hinausgehen. Das Ergebnis: kein einziger signifikanter Ausschlag. Selbst positive Nachrichten verhallten ungehört.
Was steckt dahinter? Die Autoren nennen zwei Gründe:
Erstens: Die CSX ist jung, klein, illiquide. Viele Titel werden nur selten gehandelt – Kursreaktionen brauchen Zeit.
Zweitens: Anleger misstrauen in Krisenzeiten selbst guten Nachrichten. Wer Angst vor Unsicherheit hat, hält lieber still, statt mutig zu kaufen.
Psychologisch nennt man das "Aufmerksamkeits-Filter": Das Gehirn blendet Neues aus, wenn zu viele Risiken gleichzeitig auftauchen.
Ein Beispiel: Eine Bank meldet Rekordgewinne, doch die Anleger denken an Pandemie, Tourismuskrise und schwache Nachfrage. Sie nehmen die Meldung wahr, aber sie handeln nicht. Erst Wochen später, wenn sich die Lage beruhigt, fließt die Information langsam in den Kurs ein. Wer dann früh eingestiegen ist, profitiert doppelt – durch Geduld und Gelassenheit.
Das Ergebnis ist kein Zufall. Maaji und Lee sehen darin ein klares Muster: In kleinen Märkten mit unsicherer Stimmung läuft der Informationsfluss träge. Kurse spiegeln weniger Wissen als Emotion. Für kluge Anleger ist das eine stille Einladung: Wer geduldig bleibt, erkennt Chancen, bevor sie im Kurs sichtbar werden.
Fazit: Die Studie zeigt, wie sehr Stimmung und Aufmerksamkeit den Markt bestimmen – gerade, wenn sie fehlen. Wer nur auf laute Signale achtet, übersieht die leisen. In Kambodscha zeigte sich: Nicht jede Gewinnmeldung bringt Gewinne – aber wer hinschaut, bevor andere es tun, kann sie finden.