So schädigen kognitive Verzerrungen unbemerkt Ihr Depot
Was deutsche Forscher über psychologische Nebenwirkungen im Aktienhandel herausfanden.
Wer Aktien handelt, denkt oft an Charts und Kennzahlen – doch das wahre Steuer sitzt im Kopf. Nicht immer sind es bekannte Klassiker wie Angst oder Gier, die das Depot heimlich drehen. Es gibt leise Verzerrungen, fast unsichtbar – und sie wirken verblüffend stark.
Das zeigt eine Studie der Forscher Lena HAMPE und Kai ROMMEL von der International School of Management. Sie wollten herausfinden: Wie arbeiten kognitive Verzerrungen im Aktienkauf – und welche kaum beachteten Nebenwirkungen entstehen.
Ihr Ansatz war ungewöhnlich. Die Forscher setzten Testpersonen in ein künstliches Aktienmarkt-Experiment. Jeder musste wiederholt Kauf- und Verkaufsentscheidungen treffen, ohne echten Stress, aber mit realen Gewinnaussichten.
Dabei testeten sie vier Effekte:
- die Ankerheuristik (Fixierung auf Startwerte), den Verwässerungseffekt (zu viele Infos schwächen das Urteil), den Framing-Effekt (Wertung hängt vom 'Rahmen' ab) und den Dispositionseffekt (Gewinner zu früh verkaufen, Verlierer aussitzen).
Der Untersuchungs-Ablauf: Zuerst erhielten die Teilnehmer eine Einführung in das fiktive Börsen-Programm. Dann kauften und verkauften sie Wertpapiere, deren Kurse von den Forschern simuliert wurden. Nach jeder Aktion mussten sie ihre Entscheidung kurz im eigenen Wort begründen. In qualitativen Interviews prüften Hampe und Rommel später, ob die Probanden ihre Entscheidungen klar durchdacht hatten – oder von Denkfehlern geleitet wurden.
Die Auswertung war eindeutig: Jeder Teilnehmer zeigte mindestens einen kognitiven Denkfehler.
Besonders auffällig: Wer sich stark an den eigenen Einstandskurs klammerte, neigte dazu, Verluste auszusitzen. Wer viele Infos bekam, entschied oft schwammiger, nicht klarer. Framing-Effekte führten dazu, dass die angebotene Stimmung (z. B. "heute Crash", "heute Boom") das Depot mehr steuerte als die echten Kurse.
Die Forscher fanden noch mehr: Je erfahrener und risikobereiter die Testpersonen waren, desto rationaler wurden ihre Entscheidungen.
Doch auch hier: Die Verzerrungen verschwanden nie ganz. Jeder schleppt eine kleine Sammlung leiser Denkfehler mit sich herum – wie einen unsichtbaren Rucksack.
Was folgt aus diesen Erkenntnissen?
- Erstens: Der Einstandskurs ist oft eine Falle. Wer glaubt, Verluste nur mit diesem Wert bewerten zu müssen, vergisst die echten Chancen heute.
- Zweitens: Zu viele Infos sind wie Nebel in der Börse – sie verschleiern den klaren Kurs. Besser ist es, auf wenige, gute Kennzahlen zu achten.
- Drittens: Wer das "Rahmengefühl" erkennt (Crash-Rhetorik oder "Jetzt geht’s los!"), kann einen Schritt zurücktreten und bewusst mit mehr Abstand auf seine Entscheidungen blicken.
Fazit: Die deutsche Studie macht deutlich, wie unbewußte Denkfehler oft den Ausschlag geben – und wie sie sich mit einfachen Tricks zähmen lassen. Nicht alles ist kontrollierbar, aber jeder kann diese psychologischen Fallen im Depot nach und nach entschärfen.