Das Depot als Nervenkitzel?
Warum manche Anleger einfach nicht die Finger stillhalten können.
Manche kaufen Aktien, andere Adrenalin. Für viele ist die Börse nicht nur Ort des Gewinns, sondern auch Bühne für Nervenkitzel. Wer den Kick sucht, findet ihn oft im eigenen Depot – und zahlt am Ende dafür. Genau das zeigt eine viel beachtete Studie aus Finnland, die einen Blick in die Köpfe der Anleger wagt.
Die Forscher Mark GRINBLATT und Matti KELOHARJU untersuchten zehntausende finnische Privatanleger. Ein Schatz an Daten: Depotbewegungen, Steuerakten, sogar Verkehrsregister. Ja, richtig gelesen – die Zahl der Strafzettel diente als Hinweis auf Risikofreude. Dazu kamen psychologische Profile und sozioökonomische Angaben. Das Ergebnis: Menschen, die auch im Straßenverkehr das Risiko lieben, handeln an der Börse häufiger – und verlieren dabei Geld.
Die Studie verknüpfte verschiedene staatliche Datenbanken. So ließ sich genau sehen, wer wann welche Aktie kaufte oder verkaufte, wie oft, zu welchem Preis – und wie sich das mit individuellen Persönlichkeitsmerkmalen deckt. Durch diese ungewöhnliche Kombination aus Psychologie und Statistik entstand ein selten präzises Bild vom Anleger als Mensch: Impulsiv, übermütig, überzeugt, immer richtig zu liegen – das ist das Muster des typischen "Sensation Seekers".
Was treibt ihn an? Der Wunsch nach Spannung. Nicht der Ertrag zählt, sondern das Gefühl, "dabei zu sein". Wer so tickt, reagiert stärker auf Kursbewegungen. Ein grüner Tag im Chart? Kaufrausch. Rote Zahlen? Sofortiger Gegenangriff. Das Problem: Wer zu viel handelt, verschenkt Rendite. Gebühren, Steuern, Timing – sie fressen still den Gewinn. Die Forscher fanden, dass Anleger mit hohem Sensation-Seeking-Wert deutlich mehr Transaktionen tätigen, aber am Ende weniger verdienen. Ein klassischer Fall von "Action statt Ergebnis".
Überraschend ist, wie tief die Persönlichkeit eingreift. Denn die Effekte bleiben, selbst wenn man Einkommen, Alter oder Bildung herausrechnet. Persönlichkeit schlägt Erfahrung. Der Kick bleibt stärker als die Vernunft. Und der Hang zur Selbstüberschätzung, die zweite Variable der Studie, tut ihr Übriges: Wer glaubt, klüger zu sein als der Markt, dreht noch schneller am Rad.
Ein Beispiel: Ein Anleger verkauft mit Gewinn, fühlt sich bestätigt – und erhöht sofort den Einsatz. Läuft es schlecht, schiebt er die Schuld auf "Pech" oder "Marktlaune". So entsteht ein Kreislauf aus Euphorie und Trotz, der den Blick für Risiko und Rendite verzerrt. Die Forscher nennen es "Overtrading" – das ständige Hin und Her, das mehr kostet als nützt.
Fazit: Die finnische Studie zeigt eindrucksvoll, dass Börsenverhalten kein reines Rechenexempel ist, sondern auch ein Spiegel der eigenen Persönlichkeit. Wer sich selbst kennt, hat einen klaren Vorteil. Wer seine Impulse im Griff hat, spart Gebühren, Zeit und Nerven. Und wer merkt, dass er den Thrill sucht – der findet ihn besser im Sport als im Depot.