Wenn Gewohnheit das Risiko bremst
Warum Gene, Job und Alltag das Depot formen.
Manchmal zeigt sich das große Ganze in den kleinen Unterschieden. Zwei Menschen, die gleich aussehen, gleich alt sind und vieles teilen – aber völlig anders investieren. Genau das hat die Studie "Twin Picks" untersucht. Die Forscher Laurent CALVET und Paolo SODINI nutzten schwedische Registerdaten von rund 20 000 Zwillingen, um herauszufinden, warum manche Anleger mutig in Aktien gehen – und andere lieber das Geld auf dem Konto parken.
Ihr Ansatz war genial einfach: Eineiige Zwillinge haben nahezu identische Gene. Unterschiede im Anlageverhalten müssen also aus Erfahrungen, Bildung, Beruf oder Gewohnheiten stammen. So konnten die Forscher erstmals klar trennen, was in uns steckt – und was wir uns aneignen.
Die Datengrundlage war gewaltig: Steuerakten, Depots, Einkommen, Beruf, Vermögen. Dazu cleveres Matching zwischen Zwillingspaaren, um soziale Unterschiede auszuschließen.
Ergebnis: Der Anteil riskanter Anlagen steigt, je größer das Finanzvermögen – aber nicht linear. Er wächst immer langsamer, je reicher jemand ist. Die durchschnittliche "Risikoneigung" reagiert laut Calvet und Sodini nur um etwa 22 Prozent, wenn sich das Vermögen verdoppelt. Das zeigt: Auch wer mehr Geld hat, bleibt nicht automatisch wagemutiger.
Doch das ist nur die halbe Geschichte. Der eigentliche Clou liegt im Einfluss des Alltags. Menschen mit sicherem Job und stabilem Einkommen trauen sich mehr Risiko zu. Wer dagegen Kinder, hohe Kredite oder unsichere Arbeit hat, bleibt vorsichtiger. Und Gewohnheiten – etwa das ständige Sparen kleiner Beträge oder der tägliche Blick auf den Kontostand – wirken wie ein unsichtbarer Sicherheitsgurt: Sie halten das Risiko niedrig, manchmal zu niedrig.
Das Bild, das sich daraus ergibt, ist verblüffend menschlich. Anleger handeln nicht allein nach Rechenlogik. Sie folgen ihrem persönlichen "inneren Gleichgewicht" – einer Mischung aus Erziehung, Sicherheit und Routine. Viele unterschätzen, wie stark der eigene Alltag den Mut zur Aktie prägt.
Calvet und Sodini sprechen von "decreasing relative risk aversion" – je mehr man besitzt, desto kleiner wird der zusätzliche Schritt ins Risiko. Doch auch das "Habit-Model" spielt mit: Wer sich an einen bestimmten Lebensstandard gewöhnt hat, möchte ihn nicht gefährden. Das erklärt, warum selbst reiche Haushalte nicht unbegrenzt in Aktien investieren.
Fazit: Anleger sind keine Roboter. Sie reagieren auf ihr Umfeld, ihre Lebenslage und Gewohnheiten. Das macht sie berechenbar – aber auch lenkbar. Wer sein eigenes Muster erkennt, kann gezielt gegensteuern. Ein fest definierter Risikoanteil im Depot hilft, das emotionale Auf und Ab zu glätten. Und wer sein Vermögen wachsen sieht, darf sich ruhig ein wenig mehr zutrauen – ohne übermütig zu werden.
Beispiel gefällig? Wer fest angestellt ist und regelmäßig spart, kann den Aktienanteil Schritt für Schritt erhöhen. Wer dagegen als Selbstständiger schwankendes Einkommen hat, sollte zuerst seine Rücklagen stärken. In beiden Fällen gilt: Nicht die Gene lenken das Depot, sondern das Zusammenspiel aus Alltag und Gewohnheit.
Das Zwillingsexperiment aus Schweden zeigt eindrucksvoll, wie stark die eigene Lebenswelt das Anlegerverhalten prägt. Und es macht Mut: Wer sich selbst kennt, kann sein Depot besser führen – ganz ohne Hellseherglaskugel.