Wenn Zögern Geld kostet
Warum Anleger ihr Geld lieber liegen lassen.
Manchmal ist Nichtstun teuer. Besonders dann, wenn das Geld auf dem Konto bleibt, weil man sich nicht sicher ist, was man tun soll. Diese Form der Zögerlichkeit haben Forscher der Goethe-Universität Frankfurt und der Universität Hohenheim genauer untersucht. Sie wollten wissen, was passiert, wenn Anleger plötzlich gezwungen sind, ihre Fonds oder Aktien zu verkaufen – etwa weil der Fonds geschlossen wird oder eine Bankposition aufgelöst werden muss.
Dazu nutzten sie die Daten eines großen deutschen Online-Brokers. Über 10.000 Anleger waren betroffen. Plötzlich war ein Teil ihres Geldes frei – im Schnitt rund zehn Prozent des Depotwerts. Die Forscher beobachteten, was danach geschah. Die Ergebnisse sind erstaunlich: An Tagen, an denen die Börsenlage klar und ruhig war, investierten Anleger etwa 87 Prozent des frei gewordenen Geldes sofort neu. An Tagen mit viel Unsicherheit – also hoher Ambiguität – reinvestierten sie fast nichts. Das Geld blieb liegen. Wochenlang. Manchmal monatelang.
Das nennt man "Ambiguitäts-Aversion" – die Angst vor unklaren Situationen. Viele Menschen können Unsicherheit schlechter ertragen als Verluste. Man entscheidet sich gegen die Chance, um das Risiko zu meiden. Eine teure Strategie: Denn geparktes Geld arbeitet nicht. Der Markt schreitet stetig voran, während man selbst auf der Stelle tritt und wertvolle Zeit verstreichen lässt.
Die Forscher konnten den Effekt genau messen: Wer zögerte, verlor im Schnitt rund ein Prozent Rendite pro Monat, verglichen mit denen, die sofort wieder investierten. Das ist viel. Über ein Jahr gerechnet kann das den Unterschied zwischen Gewinn und Verlust ausmachen.
Ein Beispiel aus der Studie zeigt es deutlich: Ein Anleger musste einen Fondsanteil verkaufen. Er bekam 5.000 Euro ausgezahlt. Doch statt neu anzulegen, wartete er. Drei Monate später war der DAX um acht Prozent gestiegen. Sein Geld blieb ungenutzt auf dem Konto. Das ist der Preis der Unsicherheit.
Interessant ist, dass dieser Effekt nicht nur Anfänger betrifft. Auch erfahrene Anleger fielen in die gleiche Falle. Der Grund ist einfach: Wenn die Märkte unruhig sind, wird die Flut an Nachrichten größer. Jeder Bericht, jede Meinung erzeugt Zweifel. Das führt zu innerer Starre – der Gedanke "Ich warte lieber ab" wird zum Standard.
Doch Warten hat seinen Preis. Die Forscher nennen es den "Cash-Drag" – das Nachziehen des ungenutzten Geldes, das die Rendite nach unten zieht. Und dieser Effekt summiert sich. Selbst kleine Pausen, ein paar Wochen Inaktivität, können über Jahre hinweg mehrere Prozentpunkte Rendite kosten.
Wie lässt sich das vermeiden?
Die Forscher empfehlen klare Reinvestitionsregeln. Zum Beispiel: Nach einem Zwangsverkauf muss das Geld innerhalb von fünf Handelstagen wieder im Markt sein – egal ob per Fonds, ETF oder Aktienkauf. So bleibt der Anleger handlungsfähig, statt in der Unentschlossenheit zu versinken.
Fazit: Wer investiert, muss akzeptieren, dass Unsicherheit ein fester Teil der Gleichung ist. Sie lässt sich nicht ausschalten. aber man kann sich darin üben, sie auszuhalten. Denn wer auf den perfekten Moment wartet, wartet oft ewig – und verpasst dabei die besten Chancen.