5 Cent, die Sie Rendite kosten
Warum Anleger bei günstigen Aktien systematisch danebenliegen.
Stellen Sie sich vor: Eine Aktie kostet sechs Euro, und eine andere kostet sechzig. Klingt banal? Ist aber entscheidend. In einer französischen Studie von Carole MÉTAIS und Tristan ROGER zeigte sich, dass Privatanleger bei günstigen Aktien deutlich weniger "mutige" Orders setzen – sie geben ihre Kauf- oder Verkaufsorders weiter vom Marktpreis entfernt als bei teureren Aktien. Genau genommen: Bei Aktien unter zehn Euro lag die durchschnittliche Distanz zur bestmöglichen Order bei etwa –3,52 %, bei Aktien über fünfzig Euro nur noch –1,57 %.
Das klingt wie ein kleiner Unterschied. Doch wer regelmäßig handelt, weiß: Schon winzige Abstände entscheiden, ob eine Order ausgeführt wird – oder im Orderbuch liegen bleibt. Wer zu weit weg anbietet, verpasst oft günstige Gelegenheiten. Wer zu zögerlich agiert, bezahlt später mit schlechteren Kursen. Viele Kleinanleger verlieren so jedes Jahr Prozentpunkte ihrer Rendite, ohne zu merken, warum.
Métais und Roger wollten verstehen, ob dieser Effekt etwas mit Marktmechanik zu tun hat oder mit Psychologie. Dazu analysierten sie mehr als drei Millionen Limitorders an der Euronext Paris. Sie untersuchten ausschließlich Orders von Privatanlegern – keine institutionellen Händler, keine Hochfrequenzsysteme. Und sie verglichen, wie aggressiv diese Orders waren: also, wie nah am besten Gegenkurs ("Best Ask oder Best Bid") sie platziert wurden.
Die Forscher teilten alle Aktien in sechs Preisgruppen – von Pennywerten unter 10 € bis zu Titeln über 50 €. Sie kontrollierten dabei für alle technischen Faktoren: Spread, Liquidität, Ordergröße, Marktphase. Trotzdem blieb der Effekt bestehen. Je niedriger der Nominalpreis einer Aktie, desto weniger aggressiv waren die Gebote. Hochfrequenzhändler zeigten den Effekt dagegen kaum – sie reagieren auf prozentuale Spreads, nicht auf absolute Centbeträge.
Dahinter steckt offenbar ein kognitiver Fehler. Menschen empfinden Zahlen nicht linear. Eine Distanz von 5 Cent wirkt bei einem Kurs von 6 € winzig, obwohl sie prozentual genauso groß ist wie 50 Cent bei 60 €. Unser Gehirn bewertet kleine Zahlen intuitiv schwächer – und genau das verzerrt die Einschätzung von Risiko und Distanz. Ein psychologischer Reflex: "Kleine Zahl = kleines Risiko." Die Folge: Anleger werden unbewusst vorsichtiger und verlieren an Effizienz.
Besonders auffällig war, dass der Effekt unabhängig von Erfahrung, Kontogröße oder Handelsfrequenz blieb. Selbst aktive Trader, die täglich handeln, fielen in dieselbe Falle. Offenbar ist dieser Bias tief verankert. Er entsteht automatisch, wenn das Auge eine kleine Zahl sieht.
Ein Beispiel aus der Praxis: Wer bei einem Kurs von 6 € ein Limit bei 5,95 € setzt, denkt, er riskiert kaum etwas. Doch in Wirklichkeit entfernt er sich 0,83 % vom Markt. Bei einem Kurs von 60 € und einem Limit bei 59,50 € wäre der Abstand nur 0,83 % – gleich groß, aber psychologisch völlig anders wahrgenommen. Das Gehirn spürt beim höheren Preis eine "größere Bewegung" und wird mutiger. Verrückt, oder?
Wer das weiß, kann sich schützen. Setzen Sie Ihre Limitpreise nicht in Cent-Abständen, sondern in Prozent. Fragen Sie sich: "Wie weit will ich mich prozentual vom Markt entfernen?" So bleiben Sie objektiv, egal ob die Aktie billig oder teuer ist. Manche Profis nutzen sogar feste Rechenhilfen, um emotionale Effekte auszuschalten – etwa 0,3 % als Standardabstand für alle Käufe.
Métais und Roger liefern damit mehr als eine Marktanalyse – sie zeigen, wie tief Psychologie in die Mikrostruktur des Handels eingreift. Der Bias wirkt subtil, aber messbar. In der Summe beeinflusst er Liquidität, Ausführung und Rendite ganzer Portfolios. Und er zeigt, dass selbst erfahrene Anleger auf einfache Zahlenfallen hereinfallen können.
Fazit: Der Zahl-Bias ist ein stiller Gegner. Er sitzt nicht im Markt, sondern im Kopf. Wer lernt, in Prozent statt in Euro zu denken, befreit sich aus diesem Muster. Kleine Zahlen sind nicht harmlos – sie täuschen Sicherheit vor. Wer sie durchschaut, handelt klüger, entschlossener und am Ende erfolgreicher.