Warum Sie Ihr Depot ignorieren, wenn es brennt.
US-Forscher entlarven die psychologische Falle in unserem Gehirn.
Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Arzt, aber nur an Tagen, an denen Sie sich kerngesund fühlen. Sobald es irgendwo zwickt oder schmerzt, sagen Sie den Termin ab. Klingt absurd? Natürlich. Wer krank ist, muss erst recht hinsehen. Aber genau dieses absurde Verhalten legen Millionen Menschen an den Tag, wenn es um ihr Geld geht. In der Fachwelt heißt das Phänomen "Ostrich Effect" – der Strauß-Effekt. Eine faszinierende Studie aus den USA zeigt, dass Anleger dazu neigen, ihren Kopf sprichwörtlich in den Sand zu stecken, sobald die Börsenkurse fallen.
Die Wissenschaftler Niklas KARLSSON, George LOEWENSTEIN und Duane SEPPI von der renommierten Carnegie Mellon University wollten verstehen, wie wir Informationen konsumieren.
Die klassische Ökonomie sagt: Wissen ist Macht. Ein rationaler Anleger müsste sein Depot also gerade in Krisenzeiten besonders genau prüfen, um Risiken zu managen oder Verluste zu begrenzen. Doch die Realität ist das glatte Gegenteil. Wir nutzen Informationen nicht als Werkzeug, sondern als Belohnung. Wir schauen hin, um uns gut zu fühlen – und schauen weg, um Schmerz zu vermeiden.
Für ihre Untersuchung werteten die Forscher riesige Datensätze aus. Sie analysierten das Login-Verhalten von Anlegern bei großen Fondsanbietern (wie Vanguard) über mehrere Jahre hinweg. Dabei legten sie die Aktivität der Nutzer über die Kurven der großen Marktindizes wie dem S&P 500 oder dem Nasdaq. Das Muster, das sich zeigte, war so synchron wie ein Uhrwerk:
Sobald die Märkte stiegen, loggten sich die Anleger begeistert ein. Die Klickzahlen gingen durch die Decke. Man wollte sehen, wie das Vermögen wächst, sich am grünen Vorzeichen berauschen. Doch kaum drehte der Markt ins Minus, herrschte Funkstille. Die Login-Raten brachen dramatisch ein. Je schlechter die Börsenlage, desto weniger wollten die Leute davon wissen. Sie ignorierten ihre Depots förmlich, in der irrationalen Hoffnung: "Wenn ich es nicht sehe, ist es nicht passiert."
Dieser psychologische Schutzmechanismus ist menschlich verständlich, aber finanziell verheerend. Wer in schlechten Marktphasen wegschaut, gibt die Kontrolle ab. Die Studie macht klar, dass genau dieses "Abtauchen" dazu führt, dass notwendige Umschichtungen unterbleiben. Anleger verpassen den richtigen Moment, um Reißleinen zu ziehen oder – noch wichtiger – in der Krise günstig nachzukaufen. Während der rationale Investor im Crash Chancen sucht, versteckt sich der emotionale "Strauß-Anleger" vor der Realität und erstarrt in Untätigkeit.
Das Fatale daran ist die selektive Wahrnehmung. Das Gehirn behandelt das Depot nicht als nüchterne Geldanlage, sondern als Quelle für Dopamin. Bleibt der Dopamin-Kick (Gewinn) aus, wird die Quelle gemieden. Das führt dazu, dass Anleger oft erst dann wieder ins Depot schauen, wenn die Kurse sich längst erholt haben – oder wenn der Verlust so gewaltig ist, dass er sich nicht mehr ignorieren lässt. In beiden Fällen ist es für kluges Handeln meist zu spät.
Karlsson, Loewenstein und Seppi beweisen damit eindrucksvoll: Unser Informationshunger ist nicht konstant. Er hängt von unserer Stimmung ab. Wir sind "Schönwetter-Buchhalter". Solange die Sonne scheint, prüfen wir jeden Cent. Zieht ein Sturm auf, lassen wir die Bücher offen im Regen liegen. Wer an der Börse Erfolg haben will, muss lernen, diesen Impuls zu unterdrücken. Der wichtigste Blick ins Depot ist nicht der, der Freude macht – sondern der, der wehtut.
Fazit: Ignoranz ist keine Strategie. Wer bei roten Zahlen wegschaut, schützt zwar kurzfristig seine Laune, ruiniert aber langfristig seine Rendite. Zwingen Sie sich zum Hinsehen, gerade wenn es schmerzt.