Die teure Lüge im eigenen Depot
Sie verlieren Geld – und fühlen sich genial.
Fragen Sie einen Autofahrer, ob er gut fährt. Fast jeder wird nicken. Fragen Sie einen Anleger, wie sein Depot läuft. Die Antwort ist meist: "Ganz gut, ich habe den Markt im Griff." Doch die nackte Wahrheit sieht oft anders aus. Viele Privatanleger leiden unter einer gefährlichen Krankheit, die keine Schmerzen verursacht, aber das Vermögen frisst: die "Performance-Illusion". Ein renommiertes Forscherteam der Universität Mannheim hat diesen blinden Fleck untersucht. Das Ergebnis ist eine schallende Ohrfeige für unser Ego.
Die Professoren Markus GLASER und Martin WEBER wollten wissen: Wie gut schätzen deutsche Anleger ihr eigenes Können ein? Und vor allem: Wissen sie überhaupt, welche Rendite sie erzielen?
Für ihre Untersuchung bekamen die Forscher Zugang zu einem wahren Datenschatz. Sie analysierten die echten Transaktionsdaten von rund 3.000 Privatanlegern bei einem großen deutschen Online-Broker über einen Zeitraum von vier Jahren. Es blieb aber nicht beim bloßen Blick in die Bücher. Zusätzlich befragten sie genau diese Kunden nach ihrer eigenen Einschätzung.
Der Ablauf der Studie war ein gnadenloser Abgleich von Wunsch und Wirklichkeit. Zuerst ließen die Forscher die Anleger schätzen, wie viel Gewinn sie in den letzten Jahren gemacht hatten. Dann setzten sich die Wissenschaftler an die Rechner und ermittelten die tatsächliche Rendite dieser Depots – unter Berücksichtigung aller Gebühren und des genauen Timings. Anschließend legten sie beide Zahlen nebeneinander.
Das Resultat war erschreckend. Die Selbstwahrnehmung der Anleger hatte mit der Realität fast nichts zu tun. Die Investoren überschätzten ihre eigene Rendite massiv – im Schnitt lagen sie in ihrer Vorstellung um 11,5 Prozentpunkte höher als auf dem Konto. Viele glaubten, sie hätten den DAX geschlagen, während sie in Wahrheit Geld verbrannten.
Dieser Fehler ist tückisch, weil er völlig unbewusst passiert. Unser Gehirn ist ein Meister darin, Erfolge zu speichern und Misserfolge auszublenden. An die Aktie, die sich verdoppelt hat, erinnern wir uns beim Abendessen stolz. Die drei Rohrkrepierer, die wir stillschweigend mit Verlust verkauft haben, schiebt das Gedächtnis in den Papierkorb.
Die Studie deckte zudem auf, welchen konkreten Schaden diese "Overconfidence" (Selbstüberschätzung) anrichtet. Wer glaubt, er sei schlauer als der Markt, handelt öfter. Die Mannheimer Daten zeigten eine glasklare Korrelation: Je höher die Selbstüberschätzung, desto wilder wurde gehandelt. Die Anleger schichteten ihre Depots permanent um, kauften hier, verkauften dort. Doch dieses hektische Treiben produzierte keinen Mehrwert, sondern nur Spesen. Die Transaktionskosten fraßen die Gewinne auf. Die aktivsten Trader schnitten am Ende am schlechtesten ab.
Das Fatale daran: Weil die Anleger ihre wahre Rendite gar nicht kennen (wer rechnet schon ehrlich alle Gebühren gegen?), ziehen sie keine Erkenntnis aus dem Fehler. Sie halten sich weiterhin für begabte Börsianer, die nur mal "Pech" hatten, während ihr Kontostand langsam ausblutet. Glaser und Weber nennen das den "Kompetenz-Effekt". Anleger verwechseln Aktivität mit Können. Sie fühlen sich kompetent, weil sie viele Informationen lesen und viele Orders aufgeben. Dass das Ergebnis negativ ist, dringt nicht bis ins Bewusstsein vor.
Diese deutsche Studie ist eine Warnung an jeden, der ohne Excel-Tabelle investiert. Das Gefühl trügt. Wir sind keine rationalen Rechenmaschinen, sondern emotionale Geschichtenerzähler, die sich die eigene Börsen-Story schönfärben. Der Schaden geht in die Tausende und Zigtausende, weil das Kapital nicht wächst, sondern (zusätzlich zu Fehlentscheidungen) in Gebühren und schlechtem Timing versickert. Die Wahrheit tut vielleicht weh, aber sie ist der einzige Weg zur Besserung.
Fazit: Wer seinen Erfolg nur schätzt, hat schon verloren. Die größte Gefahr für Ihr Geld ist nicht der Marktcrash, sondern der optimistische Blick in den Spiegel. Rechnen Sie nach – aber ehrlich.