Kenn ich, kauf ich – lieber nicht
Nicht jede Aktie, die vom eigenen Dorfplatz kommt, ist deshalb besser.
Es ist ein ganz natürlicher Impuls. Wir vertrauen dem, was wir kennen. Wir kaufen beim Bäcker um die Ecke, weil wir wissen, dass das Brot dort schmeckt. Wir fahren das Auto, das auch der Nachbar fährt. Vertrautheit schafft Sicherheit. Aber was im Alltag ein nützlicher Kompass ist, wird an der Börse schnell zur gefährlichen Falle.
Viele Anleger stopfen ihr Depot voll mit Aktien aus dem eigenen Land. Deutsche kaufen DAX-Werte, Amerikaner setzen auf die Wall Street. Man nennt das "Home Bias". Man redet sich ein: "Bei diesen Firmen weiß ich wenigstens, was los ist." Doch ist das wirklich so? Wissen wir mehr, nur weil wir die Firmenzentrale auf dem Weg zur Arbeit sehen? Oder ist das eine teure Illusion?
Ein Trio aus Finanzwissenschaftlern wollte genau das herausfinden. Die Forscher Veronika K. POOL, Noah STOFFMAN und Scott E. YONKER stellten sich eine spannende Frage: Tappen eigentlich auch die hochbezahlten Profis in diese psychologische Falle? Handeln Fondsmanager rationaler als der kleine Privatanleger, oder lassen auch sie sich von geographischer Nähe blenden? Ihre Studie "No Place Like Home" liefert Antworten, die jeden Sparer dazu bringen sollten, sein Depot heute noch umzubauen.
Für ihre tiefgreifende Untersuchung wählten Pool, Stoffman und Yonker einen cleveren Ansatz. Sie analysierten die Portfolios von über 2.000 US-Fondsmanagern über einen langen Zeitraum. Der Clou: Sie wussten genau, in welchem US-Bundesstaat die Manager lebten und arbeiteten. Sie glichen diese Wohnorte mit den Aktien in den Fonds ab. Kaufte ein Manager aus Kalifornien mehr Tech-Aktien aus dem Silicon Valley? Bevorzugte der Manager aus Texas überproportional Öl-Firmen aus der Nachbarschaft? Und vor allem: Brachte dieses "lokale Wissen" am Ende mehr Rendite als eine breite Streuung?
Das Ergebnis ist ernüchternd und faszinierend zugleich. Selbst die Profis sind nicht immun. Die Studie zeigt glasklar, dass Fondsmanager Aktien aus ihrem eigenen Heimatbundesstaat signifikant übergewichten. Sie kaufen das, was vor ihrer Haustür liegt. Doch die Hoffnung, dass sie durch die räumliche Nähe einen Informationsvorsprung hätten – also den "heißeren Draht" zum Management –, zerschlug sich in den Daten. Die lokalen Favoriten entwickelten sich nicht besser als der Markt. Im Gegenteil: Die Manager gingen höhere Risiken ein, ohne dafür belohnt zu werden. Es war reine Psychologie. Die vermeintliche Sicherheit der Nachbarschaft war nichts als kostspieliges Bauchgefühl.
Was bedeutet das nun konkret für Ihr Geld? Wenn selbst Profis ohne Mehrwert auf Heimat-Aktien setzen, dann tun Sie es vermutlich auch – und das ist brandgefährlich. Der "Home Bias" führt zu einem massiven Klumpenrisiko.
Überlegen Sie mal: Ihr Gehalt, Ihre Rente und Ihre Immobilienwerte hängen bereits extrem stark an der wirtschaftlichen Lage Ihres Heimatlandes. Wenn Sie jetzt auch noch Ihr Erspartes in denselben Markt stecken, setzen Sie alles auf eine Karte. Geht es der heimischen Wirtschaft schlecht, verlieren Sie im schlimmsten Fall Job und Vermögen gleichzeitig.
Sie müssen Ihr Gehirn hier aktiv überlisten. Wahre Sicherheit entsteht an der Börse nicht durch Vertrautheit, sondern durch maximale Streuung. Ein Unternehmen in Australien oder Kanada, das Sie kaum kennen, ist für Ihr Depot oft wertvoller als der bekannte Großkonzern aus der Nachbarstadt. Warum? Weil es Ihr Risiko senkt. Es macht Sie unabhängig von lokalen Krisen.
Betrachten Sie die Weltkarte als Ihren Supermarkt. Beschränken Sie sich nicht auf das Regal direkt vor Ihrer Nase. Die Studie beweist: Nähe ist kein Qualitätsmerkmal. Wer aus Bequemlichkeit oder falscher Loyalität nur im eigenen Teich fischt, lässt Rendite liegen und holt sich unnötige Risiken ins Haus. Seien Sie schlauer als die Fondsmanager aus der Studie. Investieren Sie global, rational und eiskalt.
Fazit: Vertrautheit ist an der Börse eine Illusion, keine Strategie. Die Studie belegt, dass selbst Profis aus reiner Heimatliebe schlechte Portfolio-Entscheidungen treffen. Schützen Sie Ihr Vermögen durch radikale internationale Diversifikation statt lokaler Wetten.